FRÜHER

Tameru Zegeye wurde 1982 unter dem Namen Fekadu („Gott gewährt“ auf Amharisch) in das Dörfchen Mizou Mariam in Nord-Äthiopen geboren. Schon am ersten Tag seines Lebens war er nicht erwünscht: Beide Beine wiesen eine starke Fehlbildung auf, man beschuldigte böse Geister. Während der Schwangerschaft musste Tamerus Mutter schwere Lasten wie Holz und Wasser mit ihrem Körper transportieren: „I don’t believe in any evils spirits. I believe, my mama was just working too hard for me to grow right.“ Statt bei seinem Namen wurde er „Nutzlos“ genannt.

Der einzige, der ihn nicht als nutzlos betrachtete, war sein Großvater, ein wohlhabender Bauer: Er nahm Tameru auf, er wurde christlich getauft. Als Tameru 3 Monate alt war, verließ seine Mutter ihn und die Farm. Während andere Kinder vom Krabbeln zum Laufen wechselten, war es Tamerus Schicksal, die Welt weiterhin aus der Perspektive des sitzenden Kindes zu betrachten. Mit 5 beschloss Tameru, dass seine Arme seine neuen Beine, seine Hände seine neuen Füße sein würden. Und er lernte auf Eseln und Pferden zu reiten.

 

Im Alter von 10 Jahren übte Tameru das Gehen im Handstand. So kam er zu seinem Namen: Ein Diakon in der Schule nannte ihn Tameru, das bedeutet „Wunder“ auf Amharisch.
Als er 12 wurde, entzündete sich Tamerus linker Fuß. Er kroch auf allen Vieren 10 Stunden, um zu einem Hospital zu gelangen. Dort nannte man ihm als einzige Möglichkeit die Amputation. Doch Tameru gelang es, die Entzündung mit Hilfe von Heilkräutern abzuwenden.

Tameru kehrte zu seinem Großvater zurück, der jedoch alt und fast erblindet war. So beschloss Tameru, sich alleine und auf allen Vieren nach Lalibela zu wagen. Dort begegnete er in einer der Felsenkirchen Dr. Morris. Dieser stellte ihm eine Operation zur Korrektur seiner Beine in Aussicht. Er unterstützte ihn finanziell und verwies ihn an ein Hospital in der Hauptstadt Addis Ababa. Damit Tameru den 700 Kilometer weiten Weg bewältigen konnte, legte die äthiopische Gemeinde Geld für einen Flug zusammen. Im Black Lion Hospital setzte Dr. Temesgen sich für die Operation des noch immer kranken Beines ein.

Vier Monate später stand Tameru mit Hilfe von Krücken das erste Mal in seinem Leben aufrecht: Seine Füße wurden von einer eisernen Orthese gehalten und er sah sie zum ersten Mal von oben „in richtiger Richtung“. 1991 konnte Tameru mit Hilfe seiner neuen Bekannten aus Deutschland mit 16 Jahren das erste Mal die erste Klasse besuchen – als aufrecht gehender Jugendlicher. Und obwohl er nun mit Einschränkungen gehen konnte, arbeitete Tameru weiter an seiner besonderen Fähigkeit, ja, erweiterte sie: Von nun an ging er im Handstand auf seinen Krücken. Tameru beendete die High School und konnte etwas Geld verdienen. So wurde er unabhängig von der Unterstützung durch Mr. Morris. Er unternahm einen Fluchtversuch über Libyen, der jedoch scheiterte und ihn all sein Erspartes kostete.

Um 2007 erhielt Tameru die Gelegenheit, als Artist in einem Zirkus aufzutreten. Mit diesem Zirkus reiste er nach Schweden. Als er nach Äthiopien zurückkehren wollte, rieten im dortige Freunde dringend davon ab: Mitglieder der Oppositionspartei, der auch Tameru angehörte, waren verhaftet worden und der Folter ausgesetzt. So kam es, dass Tameru Zegeye in Deutschland um Asyl ersuchte. Aus seiner Zeit als Touristenführer waren ihm die deutsche Sprache und Kultur bereits vertraut, und so erhoffte er sich ein friedliches und sicheres Leben in Deutschland.

HEUTE

Im Juni 2015 erhielt er die Bewilligung für seinen Aufenthalt in Deutschland nach 20 Monaten des ungewissen Wartens. Er lebt als anerkannter Flüchtling in Fürth, Bayern. Er etabliert sich als Künstler und Artist, trainiert täglich, lernt Deutsch, vernetzt sich mit anderen Künstlern. Tameru geht seit nunmehr vielen Jahren Tag für Tag im Handstand auf Krücken. Aus einem Jungen, der ganz unten saß und nach oben blickte, ist ein junger Mann geworden, der seine Beine in den Himmel hebt. Er kann etwas, das nur sehr wenige außer ihm können. In einer Menschenmenge geht Tameru nun nicht mehr unter, sondern er ist als erster zu sehen: Seine ehemals unbrauchbaren Beine schweben über den Köpfen aller anderen. Tameru kann nun nicht nur auf eine, sondern auf verschiedene Arten gehen: Auf seinen Beinen (ohne Krücken), auf den Händen, im Handstand auf Krücken. Das ist mehr als die meisten vermögen. Er fährt Fahrrad und nimmt sein Leben in die Hand.

MORGEN

Für die Zukunft wünscht Tameru sich, Menschen mit Behinderungen Mut zu machen, ihre Talente zu erkennen und zu fördern. Die Bekanntheit, die er mit seiner Artistik in anderen Ländern bereits erreicht hat, möchte er auch in Deutschland fördern. Er berichtet jungen Menschen als Referent von seiner Geschichte und ermutigt sie, ihren Weg zu gehen. Mehr über seinen Weg als Künstler lesen Sie unter „Artistik“.

„If I can help other disabled people find their own talents, then I feel that I can be useful. And if I am useful, then I know my name is not ‚useless‘.“

Tamerus gesamte Geschichte ist nachzulesen auf der Seite des Weltladens Fürth. Der Welt­la­den Fürth und Tameru Zegeye haben zum Thema Flucht und Migration eine Unter­richts­ein­heit entwickelt, die größtenteils auf Englisch gehalten wird.
http://botschafter-globales-lernen.de/tameru-aethiopien/